Parkhaus Opéra: Eine Tür in die Vergangenheit

09.03.2017 - Medienmitteilung

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Rekonstruierte Vogelperspektive auf die Pfahlbaudörfer von Zürich-Parkhaus Opéra und im Zürcher Seefeld sowie auf den Stadelhofer Platz um 3175 v.Chr.

Während des Baus des Parkhauses Opéra in Zürich führten Stadt und Kanton 2010/11 eine Notgrabung durch. Die Auswertung der Funde ist nun abgeschlossen. Ein vielfältiges Programm bietet der Bevölkerung vom 9. bis 26. März 2017 auf dem Sechseläutenplatz spannende Einblicke in die neuen Erkenntnisse.

Wo heute in Zürich das Parkhaus Opéra steht, befanden sich vor rund 5000 Jahren Pfahlbaudörfer. Zwischen 3234 und 2727 v.Chr. wurden nacheinander acht verschiedene Siedlungen errichtet. Die Fundstelle wurde während der Bauarbeiten des Parkhauses 2010/11 gegraben. Anschliessend werteten Fachleute die Dokumentation und die Funde während fünf Jahren aus. Kanton und Stadt realisierten dieses Projekt gemeinsam. Regierungsrat Markus Kägi und Stadtrat André Odermatt sagten heute anlässlich einer Medienkonferenz übereinstimmend: «Die Zusammenarbeit war vorbildlich. Budget und Zeitbedarf wurden sogar unterschritten».

Die Auswertungen haben neue Erkenntnisse zu einer Vielzahl unterschiedlicher Aspekte des vorgeschichtlichen Lebens ergeben – von Architektur über Ernährung, Fernkontakte Gesundheit und Handel bis zu Zuchttieren. Dieser Pfahlbau wurde von A bis Z durchleuchtet und ist eine entsprechend ergiebige Informationsquelle.

Archäologisches Fenster im Parkhaus Opéra

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Beim heutigen Sechseläutenplatz befanden sich vor rund 5000 Jahren Pfahlbaudörfer. Der Film zeigt eine kurze Reise in die Vergangenheit.

20’000 Hölzer, 20'000 Tierknochen und die zweitälteste Tür der Welt

Die Leute, die vor 5000 Jahren hier lebten, waren nicht isoliert: Es gibt Feuersteingeräte aus Frankreich, Nord- und Mittelitalien, Keramiktöpfe mit Stilelementen, wie sie in Bayern oder Tschechien üblich waren. Aus über 20'000 Hölzern, deren Fälldatum dank den Jahrringen teilweise jahrgenau bestimmt werden konnte, lassen sich Gebäude und Dorfpläne ableiten. Vier Tonnen an Felsgesteinsgeräten geben Hinweise auf Handwerk und Technik. Über 20'000 Tierknochen lassen Rückschlüsse über die Herdenhaltung von Rindern und Schweinen zu. Gegessen wurden aber auch Hunde und gejagt neben dem Hirsch eigentlich alles, was in der Umgebung lebte: Bär, Reh, Auerochs, Fuchs oder Eichhörnchen. Neben der schieren Menge gab es auch einzelne Funde, die europaweit herausragend sind, so die zweitälteste Tür der Welt.

Zahlreiche Schichtproben wurden untersucht und lieferten eine Vielzahl an Fisch- und Pflanzenresten. Letztere geben nicht nur Hinweise auf den Anbau von Kultur- oder Sammelpflanzen wie Weizen, Lein, Mohn, Haselnüsse und Wildäpfel, sondern auch Anhaltspunkte, wie die Landschaft ausgesehen hat. Die Untersuchung von Parasiten zeigte, dass die Pfahlbauer auch unter Peitschen- und Bandwürmern gelitten haben, wie überhaupt die hygienischen Bedingungen schlecht waren.

Multidisziplinäres Projekt

Insgesamt waren 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Auswertungsprojekt beteiligt, darunter zahlreiche Institute von Universitäten aus dem In- und Ausland. Mit der Kombination verschiedener naturwissenschaftlicher Disziplinen konnte nachgewiesen werden, dass die Siedlungen im Flachwasser standen. Die zahlreichen schon bekannten Siedlungen im Seefeld stellten nicht nur eine Abfolge von Nachfolgesiedlungen dar, sondern es waren mehrere, genau zeitgleiche Siedlungen vorhanden – eine Art frühe, steinzeitliche Agglomeration Zürich. Die Fundanalyse zeigte auch, dass sich ein Dorf in verschiedene Quartiere aufteilte, in denen unterschiedliche Rohstoffe verwendet und verschiedene handwerkliche Tätigkeiten verrichtet wurden. Die Bewohner hatten vermutlich auch einen unterschiedlichen, gesellschaftlichen Status inne.

Die Grabungsergebnisse stehen jetzt der Forschung zur Verfügung. Die Pfahlbauten stellen eine wichtige Informationsquelle für die Frühzeit Zürichs dar, zumal die Fundstellendichte am Seeausfluss europaweit einmalig ist.

Virtueller Rundgang durchs Pfahlbaudorf

Schon die Grabung stiess in der Bevölkerung auf sehr grosses Interesse. Stadt und Kanton bieten nun der Bevölkerung die Gelegenheit, sich auf dem Sechseläutenplatz über die Auswertungsergebnisse zu informieren: Die wichtigsten Resultate werden vom 9. bis 26. März auf 18 Plakaten präsentiert. Das archäologische Fenster Parkhaus Opéra wurde mit einem neuen Film bestückt. An einem Informationsstand können Augmented-Reality-Brillen (Hololenses) ausgeliehen werden, mit der sich ein Parcours durch die virtuelle 3D-Rekonstruktion eines Pfahlbaudorfes absolvieren lässt, das vor 5000 Jahren vor Ort gestanden hat. Neue Wege geht die Archäologie auch mit einer Kunstinstallation des Künstlers Lucas Herzig, mit der die Vergänglichkeit von Kultur und Informationen thematisiert wird. Das Programm wird ergänzt durch drei öffentliche Vorträge im Theater Stadelhofen (15., 19. und 25. März 2017). Ein populärwissenschaftliches Buch ist auf Herbst 2018 geplant.

Grabung Opéra in Kürze

Die Grabung wurde vom 26. April 2010 bis 31. Januar 2011 durchgeführt. Zeitweise waren bis zu 60 Mitarbeitende im Einsatz. Dokumentiert wurde eine Fläche von 3000 Quadratmetern. Es handelt sich um die umfangreichste Grabung einer jungsteinzeitlichen Fundstelle in der Schweiz während den letzten 15 Jahren. Gegraben wurden die Schichten von insgesamt acht Siedlungen, die im Zeitraum zwischen 3234 und 2727 v.Chr. nacheinander errichtet wurden. Die Funde werden bei der Kantonsarchäologie Zürich eingelagert. An der Auswertung arbeiteten insgesamt 40 Expertinnen und Experten. Beteiligt waren die Kantonsarchäologie, die Unterwasserarchäologie/Labor für Dendrochronologie des Amtes für Städtebau der Stadt Zürich sowie diverse Institute der Universitäten Basel, Bern, Besançon (F), Zürich sowie der Hochschule Rapperswil. Die Auswertung kostete insgesamt 5 Millionen Franken, rund 800’000 Franken weniger als der Regierungsrat bewilligt hatte. 1,3 Millionen Franken steuerte das Bundesamt für Kultur bei, 300'000 Franken das Amt für Städtebau der Stadt Zürich.

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